Energieversorgung

Was kommt nach der Wende?

Von Michael Gneuss · 2015

Deutschland hat sich für einen radikalen Wandel in der Energieversorgung entschieden. Die neuen Koordinaten sind längst gesetzt und viele Akteure sind auf dem neuen Kurs schon ein gutes Stück vorangekommen. Doch die Zahl der Themen und Herausforderungen, die die Energiebranche in Bewegung hält, steigt eher weiter an. Vor allem müssen sich die Unternehmen einem Megatrend stellen, der die gesamte Wirtschaft in Atem hält: der Digitalisierung.

 Großstadtverkehr. Die Energieversorgung ist besonders in Metropolen eine Herausforderung

Erdgas, Erdöl und Kohle sind Rohstoffe, die seit jeher eine gewichtige Rolle in der Energiewirtschaft spielen. Mittlerweile wird ein gehöriger Anteil des Stroms aus Sonne und Wind gewonnen. Doch in Zukunft wird ein ganz anderer Rohstoff immer wichtiger für die Energiewirtschaft werden: Daten. Jedenfalls stand im Juni eine Veranstaltung des Handelsblatts in Berlin unter dem Motto „Daten sind die neuen Rohstoffe der Energiewirtschaft“. Ohne eine intelligente und fortschrittliche Informationsverarbeitung wäre die Entwicklung der Energieversorgung hin zu den regenerativen Energiequellen wohl tatsächlich nicht mehr als ein frommer Wunsch. Im großen Stil ist eine Versorgung auf Basis der volatilen Quellen Wind und Sonne nur denkbar, weil Informationstechnologien das Management der Netze unterstützen. Und die Digitalisierung wird künftig Basis für weitere und ganz neue Geschäftsmodelle sein. So räumen Experten auch virtuellen Kraftwerken – also vernetzten dezentralen Erzeugungs- und Speichereinheiten – großes Potenzial ein. Eine intelligente Energieerzeugung ist heute Voraussetzung für einen hohen Lebensstandard und das weitere Wachstum der Wirtschaft. Viel wird über die Energiewende geredet, dabei ist sie längst vollzogen. Die gesetzlichen Grundlagen wurden 1991 mit dem Stromeinspeisungsgesetz und 2000 mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz gelegt. Inzwischen basiert mehr als ein Viertel des Bruttostromverbrauchs in Deutschland auf regenerativen Energien. Unverdrossen wird Kurs auf die weiteren Ziele genommen. So sollen 2025 bereits 40 bis 45 Prozent des Strom aus erneuerbaren Quellen kommen.

Energieversorgung: Rasanter Wandel

Doch der rasante Wandel hat zu beträchtlichen Turbulenzen an den Märkten und vielfachen Verunsicherungen der Akteure geführt. Derzeit kochen viele Diskussionen über den weiteren Kursverlauf in der deutschen Energieversorgung hoch. Es werden Fragen aufgeworfen, die eigentlich als längst beantwortet erschienen. Beispiel: Es ist nicht lange her, da galten mächtige Stromautobahnen als ein zwingender Bestandteil der Energiewende, um den überschüssigen Windstrom aus Deutschlands Küstenregionen in den Süden der Republik zu transportieren. Heute stellt der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer diese Logik infrage. „Wir sind im Moment an einer Wegscheide, wo wir wirklich nachdenken müssen über den nächsten Schritt der Energiewende“, sagte Seehofer der Süddeutschen Zeitung. Seiner Meinung nach seien viele der geplanten Stromtrassen unnötig. Die Versorgung will er stattdessen mit Gaskraftwerken sicherstellen.

Zentral oder dezentral?

Ein anderes Beispiel: Wurde einst die Dezentralisierung der Stromversorgung zum Postulat der Energiewirtschaft des 21. Jahrhunderts erklärt, so scheint plötzlich auch dies nicht mehr uneingeschränkt zu gelten. Viele der großen Kraftwerke bekommen unter den neuen Marktbedingungen Probleme mit der Wirtschaftlichkeit und die Politik scheint sich dieser Nöte anzunehmen. In der Diskussion um eine Novellierung des Kraft-Wärme-Kopplungsgesetzes (KWKG) beispielsweise gibt es Stimmen, die nunmehr die ganz großen Heizkraftwerke für förderungswürdiger als die kleinen KWK-Anlagen halten. Es scheint sich also etwas verändert zu haben in puncto Energiewende. Aber was heißt eigentlich Energiewende? Beim Segeln ist die Wende ein eher kurzes Manöver, um gleich danach auf neuem Kurs die Fahrt fortzusetzen. Dieses Manöver hat Deutschland längst vollzogen. Steht jetzt eine neuerliche Kurskorrektur zur Diskussion?

Grafik zum Endenergieverbrauch nach Anwendungsbereich

Schnelligkeit ist gefragt

Es geht vor allem um das Tempo, mit dem die Energiewirtschaft den neuen Kurs fortsetzt. Denn immer deutlicher wird das, was ohnehin klar war: Auch die Tüchtigsten unter den deutschen Ingenieuren der Branche schaffen es nicht, die eierlegende Wollmilchsau zu präsentieren. Die Energie soll günstig, sicher in jeder Hinsicht, sauber und nachhaltig sein. Alles auf einmal werden wir nicht haben können. Nun steht zur Diskussion, wo wir Abstriche machen müssen. So bleibt die alte Feststellung, dass der Strom der beste ist, der gar nicht erst gebraucht wird. Energieeffizienz ist noch immer die Formel, die alle Seiten eint. Und in dieser Hinsicht nimmt die Energiebranche tatsächlich eine bemerkenswerte Haltung ein. Während andere Industrien dem Konsumenten signalisieren, dass „je mehr, desto besser“ ist, um den Absatz und die Umsätze steigern zu können, bekennen sich Versorger löblicherweise zum Sparen, indem sie beispielsweise auf ihren Websites entsprechende Tipps liefern.

Wichtige Innovationen

Und beim Thema Sparen kommen Innovationen – und damit wieder Digitalisierungsstrategien ins Spiel. „Die Energiewende kann nur dann zum Erfolg werden, wenn wir neue Ideen und Innovationen voranbringen und technologisch zum Vorreiter werden. Dazu braucht es eine starke Forschung“, erklärt beispielsweise der Energiebeauftragte der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, Thomas Bareiß. Im vergangenen Jahr hat die Bundesregierung 819 Millionen Euro in die Erforschung moderner Energietechnologien investiert. Und dies mit dem Ziel, „die Energiewende nachhaltig, sicher und ökonomisch gerecht zu gestalten“, so Bareiß. Für die Zukunft solle die Forschungsförderung in den Kernbereichen Energieeffizienz und erneuerbare Energien verstetigt und im Bereich der Speicher ausgebaut werden. Steht uns nun tatsächlich eine Innovations-Ära in der Energiewirtschaft bevor? Einiges spricht dafür. „Viele Geschäftsmodelle sind erst in der Entwicklung“, meint etwa Frank Mastiaux, der Vorstandsvorsitzende der Energie Baden-Württemberg (EnBW). Die Innovationen, die kommen werden, könnten auch über Branchengrenzen hinweg ganz neue Marktkonstellationen schaffen. Daimler beispielsweise will Energiespeicher auch für Privathaushalte und Industrieunternehmen anbieten. Der Elektroauto-Spezialist Tesla geht den gleichen Weg. Über die größeren Stückzahlen sollen die Preise damit auch für E-Auto-Batterien fallen. Die Chancen der deutschen Industrie, mit Energieeffizienzlösungen, Innovationen und Digitalisierung neue Produkte für die Weltmärkte zu schaffen, sind groß. Als Leitanbieter solcher Technologien kann die deutsche Wirtschaft immense Absatzpotenziale erschließen – vor allem in den Megacitys in Asien. Der dortige Energiehunger wird mit großen Herausforderungen im Umweltschutz einhergehen. Doch um diese Technologien weltweit verkaufen zu können, muss deren Leistungsfähigkeit zuvor in Deutschland bewiesen werden. Darauf weist der Präsident des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI), Udo Ungeheuer, hin: In den deutschen Ballungszentren wird zu zeigen sein, dass Deutschland Lösungen für Smart Citys hat; dann wird die Energiewende sich auch auf diesem Weg als Erfolg erweisen.

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