Energieeffizient

Sanieren für die Energiewende

Von Josephine Richter und Michael Gneuss · 2020

Dank Corona verbringen Menschen mehr Zeit denn je in ihren eigenen vier Wänden. Die Strom- und Wärmeabrechnung zum Ende dieses Jahres wird dementsprechend höher ausfallen als gewohnt. Gerade jetzt fällt auf, wie ineffizient viele Wohnungen noch beheizt werden.

Person, die eine Gebäudewand dämmt, um Energie zu sparen.
Eine gedämmte Gebäudehülle hilft, Energie zu sparen. Foto: iStock / ronstik

Im Kampf für den Klimaschutz will die Bundesregierung bis 2050 die Treibhausgasemissionen in Deutschland gegenüber dem Niveau von 1990 um mindestens 80 Prozent senken. Um dieses Ziel zu erreichen, spielt die Energiewende im Gebäudesektor eine wichtige Rolle, denn rund 35 Prozent des gesamten Energieverbrauchs werden laut Bundeswirtschaftsministerium in den eigenen vier Wänden verbraucht. Bei Neubauten werden deshalb schon hohe Anforderungen an die Energieeffizienz der Gebäude gesetzt. Jedoch hapert es bei der Sanierung bestehender Wohngebäude, wie auch die TU Dortmund in Zusammenarbeit mit dem Energiedienstleister Ista im Rahmen einer aktuellen Studie herausfand.

Das typische Mehrfamilienhaus

Da sich fast die Hälfte der über 40 Millionen Wohnungen in Deutschland in Mehrfamilienhäusern befinden, haben die Autoren der Studie ermittelt, wie das typische deutsche Mehrfamilienhaus beschaffen ist und dabei festgestellt, dass in puncto Energieeffizienz noch viel Potenzial besteht. Denn im Bundesdurchschnitt wurde das Mehrfamilienhaus 1978 gebaut und ist somit schon 42 Jahre alt. Die Heizungsanlage wurde 1997 installiert, heizt mit Erdgas und ist im Durchschnitt bereits 23 Jahre alt. Um die Wohngebäude energieeffizient zu sanieren, muss vor allem die Heizanlage modernisiert werden. Die TU Dortmund und der Energiedienstleister ista haben für die Studie bundesweit über 74.000 Gebäuden untersucht. Im Durchschnitt verfügen die Objekte über sieben Wohnungen mit je 65 Quadratmetern. Die beheizte Fläche insgesamt beträgt pro Gebäude 521 Quadratmeter. Am häufigsten wurde die Heizanlage erneuert (48 Prozent), gefolgt vom Dach, den Fenstern und der obersten Geschossdecke (jeweils 43 Prozent). Der Energiekennwert des typischen deutschen Gebäudes liegt bei 118, was der mittleren Kategorie D auf dem Energieausweis entspricht. Das heißt: Im typischen Mehrfamilienhaus ist hierzulande somit durchaus auch noch weiteres Energiesparpotenzial vorhanden.

Energieeffizient Gebäude digitalisieren

Thomas Zinnöcker, CEO von ista, sieht jedoch auch die Bewohner in der Verantwortung, sich energieeffizient zu verhalten: „Durch ein optimiertes Heizverhalten können die Bewohner nicht nur Kosten sparen, sondern auch gemeinsam die Energiebilanz des Gebäudes verbessern“, so Zinnöcker. Mit digitalisierten Gebäuden könnten den Bewohnern beispielsweise Verbrauchsinformationen häufiger und zeitnah übermittelt werden, sodass sie daraufhin direkt ihr Verhalten anpassen können. Auf diese Weise ließen sich zehn Prozent der Heizenergie im Gebäude einsparen, wodurch wiederum die Kosten für Mieter sinken würden. Im Rahmen der Studie wurde darauf basierend für die sieben Parteien im typischen bundesdeutschen Mehrfamilienhaus eine potenzielle jährliche Heizkostenersparnis von insgesamt 352 Euro errechnet – von insgesamt 3.524 Euro könnten die Kosten auf 3.172 Euro sinken. Ista und die TU Dortmund haben auch die regionalen Unterschiede nach Bundesländern untersucht. Ein Ergebnis: Schleswig-Holstein nimmt bei der Sanierung der Heizungsanlagen den Spitzenplatz ein. Den mit Abstand geringsten Energiekennwert haben die Mehrfamilienhäuserin Mecklenburg-Vorpommern (96), Sachsen (101) und Thüringen (101). Die höchsten Energiekennwerte weisen die Gebäude in Berlin (128) und Hamburg (128) sowie Bremen (126) und Schleswig-Holstein (126) auf. „Das typische Mehrfamilienhaus kann in Sachen Energieeffizienz eine Renovierung vertragen“, folgert Professor Walter Krämer von der TU Dortmund. „In Westdeutschland noch etwas mehr als im Osten.

Wärmewende kommt nicht voran

Dass die Wärmewende nicht vorankommt hat auch der Energiedienstleister Techem zum Jahreswechsel mit seiner Energiekennwerte-Studien nachgewiesen. Danach stieg 2018 bereits zum dritten Mal in Folge der witterungsbereinigte Wärmeverbrauch in deutschen Wohngebäuden an. Während der Erdgasverbrauch um 1,1 Prozent auf 142 Kilowattstunden pro Quadratmeter anstieg, kletterte der Heizölverbrauch sogar um 1,5 Prozent auf 143,5 Kilowattstunden pro Quadratmeter. Lediglich der Fernwärmeverbrauch sank laut der Studie minimal von 0,3 Prozent auf 114 Kilowattstunden pro Quadratmeter. Über die vergangenen drei Jahre hinweg lag der Gesamtanstieg für Erdgas bei rund 5,8 Prozent, für Heizöl bei 8,5 Prozent und für Fernwärme bei 4,9 Prozent. „Im Widerspruch zu den Klimaschutzzielen der Bundesregierung hat sich die rückläufige Verbrauchstendenz, die noch bis 2013 zu beobachten war, nach einer Zeit der Stagnation in einen deutlichen Anstieg umgekehrt“, kommentiert Techem-Geschäftsführer Nicolai Kuß. „Höhere witterungsbereinigte Verbräuche als 2018 gab es für Erdgas zuletzt 2011, für Heizöl sogar zuletzt 2009. Wir müssen dringend etwas dafür tun, dass Gebäude energetisch effizienter werden und weniger Wärme benötigen.“

Laut Techem-Chef Kuß lässt sich das nationale Ziel eines klimaneutralen Wohngebäudebestandes bis 2050 nur mit einer breit angelegten Digitalisierungsoffensive, dem vermehrten Einsatz regenerativer Energien und einer durchgängigen Effizienzsteigerung entlang der gesamten Wärmewertschöpfungskette verwirklichen. Oftmals bringen seinen Erfahrungen zufolge schon vergleichsweise geringe Investitionen – wie die dauerhafte Optimierung des Heizungssystems – nachhaltige Verbrauchseinsparungen im zweistelligen Prozentbereich. Woran es vielerorts jedoch fehle, sei die notwendige Transparenz über den tatsächlichen Wärmeverbrauch, um verfügbare Investitionsmittel so effektiv wie möglich einsetzen zu können, moniert Kuß.

Smart Home für den Klimaschutz

In Smart-Home-Lösungen sehen Verbraucher in Deutschland einen guten Weg, um nachhaltiger und klimafreundlicher zu leben. Laut einer Bitkom-Umfrage sind 60 Prozent grundsätzlich der Ansicht, dass Smart-Home-Anwendungen die Energieeffizienz verbessern können. Etwa 66 Prozent meinen, es sollten keine neuen Gebäude mehr gebaut werden, die nicht über eine intelligente und umweltschonende Technologie verfügen. Befragte, die in den kommenden zwölf Monaten den Kauf von Smart-Home-Lösungen planen, setzen ebenfalls vor allem auf ein besseres Energiemanagement: Je 35 Prozent aus dieser Gruppe wollen Anwendungen zum smarten Heizen oder Beleuchten kaufen, dahinter folgen intelligente Verbrauchszähler (29 Prozent) und Funk-Steckdosen (23 Prozent).

Quellen:
BMWI "Gebäude energieeffizienter machen"
dena "Energiewende für Gebäude"
ista "So sieht das typische Mehrfamilienhaus in Deutschland aus"

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