Fortbewegung in der Zukunft

Die Mischung macht’s

Von Katharina Lehmann · 2020

E-Auto, Brennstoffzellenfahrzeuge oder doch die herkömmlichen Verbrenner – wie werden wir uns in Zukunft fortbewegen? Klar ist schon jetzt: Einen Königsweg wird es nicht geben. Vielmehr kommt es auf die Mischung der Verkehrsträger an. Und dazu gehören auch ÖPNV, Fahrrad und Sharing-Modelle.

Verkehr: Fahrradfahrer und Busse
Der Fahrradverkehr nimmt in Deutschland zu. Foto: iStock / Connel_Design

In Zukunft wird unsere Mobilität ganz anders aussehen: Schon in zehn Jahren werden vor allem Großstädter rund um den Globus eher aufs Rad denn ins Auto steigen. Das zeigt die Studie „Mobility Futures“, für die das Marktforschungsinstitut Kantar über 20.000 Bewohner in 31 Großstädten weltweit befragt hat. Ergebnis: Vor allem die Fortbewegung ganz ohne Motor und Pferdestärke wird boomen. So werde die Zahl der privaten Autofahrten in den größten Städten der Welt im kommenden Jahrzehnt um zehn Prozent zurückgehen. Die Notwendigkeit des eigenen privaten PKW sinke aufgrund der alternden Weltbevölkerung, aber auch dank zunehmender Sharing-Möglichkeiten von Autos und Motorrollern sowie durch das Aufkommen autonomer Fahrzeuge. „Mobilität verändert sich normalerweise sehr langsam, eine Veränderung von zehn Prozent über ein Jahrzehnt ist enorm“, erklärt Rolf Kullen, Leiter Mobilität bei Kantar.

Fortbewegung in der Zukunft​: Einmal umsteigen bitte

„Gerade in den Großstädten müssen wir weg vom Individualverkehr“, weiß auch Martin Wietschel, Professor für Wirtschaftsingenieurwesen und Leiter des Competence Centers Energietechnologien und Energiesysteme am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI und Professor am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Stattdessen brauche es mehr strombetriebenen und emissionsarmen ÖPNV sowie Sammeltaxis, aber auch mehr Fuß- und Radverkehr. Auch das Sharing von kleinen, elektrisch betriebenen Fahrzeugen sieht Wietschel als Teil der Mobilitätswende. 

Auf dem Land elektrisch unterwegs

Wer künftig noch ein eigenes Fahrzeug besitzt, werde mit Akku fahren. Schon im Juli dieses Jahres betrug der Anteil der Elektrofahrzeuge unter den zugelassenen Neuwagen elf Prozent. Das ursprünglich von der Bundesregierung für das Jahr 2020 ausgerufene Ziel, eine Million Stromer auf Deutschlands Straßen zu haben, sieht Wietschel für 2022 oder 2023 als realistisch. 2030 werden seiner Prognose zufolge schon 25 Prozent der Autofahrer rein elektrisch unterwegs sein. Sieben bis zehn Millionen Stromer soll es dann geben. Bis 2045 werde es dann bis zu 75 Prozent reine E-Autos geben, ergänzt um Plug-In-Hybride und Wasserstofffahrzeuge für alle, die regelmäßig weite Strecken zurücklegen müssen. „Das Gros der Menschen mit eigenem PKW wird auf dem Land leben. Dort verfügen die meisten über Garagen und Stellplätze, auf denen sie ihr Auto über Nacht laden können. Außerdem werden viele Arbeitgeber Lademöglichkeiten anbieten“, erklärt er. Das reiche aus, denn die Batterien würden immer besser, die Reichweite steige. 

Verschiedene Antriebe für verschiedene Verkehrsmittel

Steigen die Reichweiten der Akkus weiter, könnte sich der Wirtschaftsingenieur sogar strombetriebene Lkw vorstellen – die Akkus würden bei notwendigen Zwischenstopps an der Tankstelle aufgeladen oder einfach ausgetauscht. Im Moment sieht der Antriebsexperte für Schwerlasttransporte aber andere Antriebe vorn: So wären Oberleitungs-Lkw am günstigsten und schnellsten umzusetzen. Teststrecken dafür gibt es bereits. Doch gegen die Oberleitungen gibt es einige Bedenken, zu ungewohnt ist deren Anblick. Anders sieht es dagegen beim Thema Wasserstoff aus. „Mit Brennstoffzelle betriebene Lkw sind definitiv eine Alternative zum Verbrenner“, sagt Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach. Denn der in der Brennstoffzelle in Antriebsenergie umgewandelte Wasserstoff kann aus erneuerbaren Energien gewonnen werden. „Die Brennstoffzelle macht allerdings nur Sinn, wenn der Strom für die Wasserstofferzeugung auch aus regenerativen Quellen stammt.“ Noch sind die Prozesse aufwendig und teuer, die Umwandlungsverluste hoch. Mit der Wasserstoffstrategie hat die Bundesregierung nun aber Forschungsgelder für die Verbesserung dieser Technologie ausgelobt. In der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts, prognostiziert Auto-Experte Bratzel, könnten sich die Kosten für die Wasserstoffherstellung deutlich reduziert haben. Dann könne man das Thema Wasserstoff viel breiter denken und auch für den Einsatz in Schiff und Flugzeug tauglich machen, fordert Bratzel. „Im Schiff- und Flugverkehr braucht es synthetische Kraftstoffe auf Basis erneuerbarer Energien“, meint hingegen der Fraunhofer-Experte Wietschel. Die sogenannten E-Fuels entstehen durch die Herstellung von grünem Wasserstoff und Synthese mit Kohlendioxid, das zum Beispiel aus den Abgasen von Fabriken stammt. Der Grund: Nur bei Kraftstoff, ob nun aus Erdöl oder synthetisch produziert, reicht die Energiedichte aus, um die langen Strecken und hohen Gewichte zu bewältigen. 

Deutschland muss weiterhin Energie importieren

Eine Gefahr für die Versorgungssicherheit sieht Wietschel auch dann nicht, wenn der gesamte deutsche Verkehr auf Strom und strombasierte synthetische Kraftstoffe umgestellt wird. Allerdings sei es nicht möglich, allen dann in Deutschland benötigten Strom aus erneuerbaren Quellen auch hierzulande herzustellen. „Deutschland wird weiterhin Energie importieren müssen“, fasst der Experte zusammen. In Zukunft bräuchte die Bundesrepublik etwa 2.500 Terawattstunden Energie pro Jahr, aus regenerativen Quellen herstellbar seien allerdings maximal 1.000 Terawattstunden, so seine Prognose. „Für die Energiewende brauchen wir eine weltweite Lösung.“

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