Regenerative Energien

Grüne Kraft voraus

Von Michael Gneuss und Katharina Lehmann · 2019

Energie aus regenerativen Quellen nimmt im deutschen Strommix einen immer größeren Stellenwert ein – bald stammt die Hälfte des hierzulande verbrauchten Stroms aus Sonne und Wind, aus Wasserkraft und Biomasse. Doch nicht in allen Bereichen kommt die Energiewende gut voran. Vor allem bei der Mobilität hinkt Deutschland hinterher.

Wind- und Photovoltaikanlagen auf einem Feld: Sie zählen zu Trägern der regenerative Energien.
Wind und Sonne produzieren immer mehr Strom. Foto: iStock/vencavolrab

Noch nie wurde in Deutschland so viel Ökostrom verbraucht wie in den ersten Monaten dieses Jahres: Im ersten Halbjahr 2019 deckten Sonne, Wind und andere regenerative Stromquellen 44 Prozent des hiesigen Stromverbrauchs. Das zumindest haben vorläufige Berechnungen des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) und des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) ergeben. Zum Vergleich: Im ersten Halbjahr des vergangenen Jahres waren es noch 39 Prozent. 

Der Grund für den sprunghaften Anstieg: Vor allem Wind und Sonne lieferten in den vergangenen Monaten aufgrund des Wetters mehr Energie als in den vergangenen Jahren. So war die Windenergie mit 55,8 Milliarden Kilowattstunden – ein Anstieg um 18 Prozent – erneut die wichtigste Ökostromquelle. Nach Angaben des BDEW profitierten die Anlagenbetreiber von „außergewöhnlichen Witterungsverhältnissen“. Vor allem im März habe es einen Windrekord gegeben, doch auch in den anderen Monaten seien die Erträge überdurchschnittlich gewesen. 

Auch die Photovoltaik erreichte mit 24 Milliarden Kilowattstunden einen neuen Rekord. Hier war es vor allem der überaus sonnige Juni, der der Solarkraft ein Plus von vier Prozent mehr Ertrag gegenüber dem Vorjahreszeitraum bescherte. Die sonstigen Erneuerbaren Energien, wozu vor allem Biomasse und Wasserkraft zählen, steuerten 36,7 Milliarden Kilowattstunden bei.

Regenerative Energien: Mehr als Solarmodule auf dem Dach

Doch allein mit dem Ausbau Erneuerbarer Energien ist es nicht getan. Soll die Energiewende gelingen, braucht es mehr als Windräder an der Küste und Solarmodule auf dem Dach. Vor allem muss in die Netze investiert werden, um sie für das Zeitalter des schwankungsintensiven Ökostroms fit zu machen. Darüber hinaus hinkt Deutschland seinen Energieeffizienzzielen weit hinterher. Wir müssen aber dringend sorgsamer mit dem Einsatz der Energie umgehen, wollen wir künftig nicht nur auf Atomstrom, sondern zudem auch auf Energie aus Braun- und Steinkohle sowie auf Öl verzichten. Das gilt vor allem dann, wenn zusätzlich der Mobilitätssektor stärker elektrifiziert wird. Doch gerade bei der Mobilität ist von der Energiewende in Deutschland noch nicht viel zu spüren. 

„Der Ökostrom-Rekord ist eine erfreuliche Momentaufnahme, darf aber nicht über die tieferliegenden strukturellen Probleme hinwegtäuschen: Bei einem ‚Weiter-so‘ landen wir 2030 bei lediglich 54 Prozent Erneuerbarer Energien“, warnte Stefan Kapferer, Vorsitzender der Hauptgeschäftsführung des BDEW, angesichts der Vorstellung der Halbjahreszahlen in Berlin.

Stromnetz kapituliert

Eines der Probleme sind die Netze, die angesichts der stetig steigenden Einspeisung der hochvolatilen Energien immer stärker beansprucht werden. Der Grund: Das Stromnetz ist auf wenige Großerzeuger ausgerichtet. Es sollte einst als Einbahnstraße die Energie vom Kraftwerk zum Verbraucher bringen. Doch die Energiewende lässt die Trennung zwischen Erzeuger und Verbraucher zusehends verschwimmen – immer mehr kleine dezentrale Anlagen erzeugen Energie. Steigt künftig auch die Elektrifizierung der Sektoren Wärme und Verkehr, bringt das zusätzliche Belastungen für das Stromnetz mit sich. Sowohl die Erzeugung als auch die Nachfrage von Strom wird immer variabler. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden und die Schwankungen abzufedern, muss das ganze Energiesystem flexibler werden. Damit das gelingt, braucht es einen Masterplan für den Strom- und Gasmarkt, der auch die Sektoren Wärme und Mobilität miteinbezieht. 

Hand hält Weltkugel fest, Symbole drum herum sollen Wirtschaftssektoren aufzeigen. Thema: Regnerative Energien
Die Energiewende muss alle Sektoren berücksichtigen. Foto: iStock/ipopba

Stillstand bei der Verkehrswende

Vor allem im Bereich der Mobilität hinkt Deutschland seinen Energiewendezielen hinterher. So steigt der Energieverbrauch im Verkehrssektor seit Jahren an, statt zu sinken. „Der Endenergieverbrauch im Verkehr entwickelte sich mit einem Anstieg um 2,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr und um 6,5 Prozent gegenüber dem Jahr 2005 gegenläufig zu den Zielen des Energiekonzepts“, heißt es im „Zweiten Fortschrittsbericht zur Energiewende“, der im Juni vom Bundeswirtschaftsministerium herausgegeben wurde. Demnach sei davon auszugehen, dass das Ziel, den Endenergieverbrauch im Verkehrssektor bis 2020 um zehn Prozent zu reduzieren, „unter den bisherigen Rahmenbedingungen erst nach 2030 erreicht werden kann“. Groß ist jedoch auch der Rückstand bei der Steigerung der Energieeffizienz. Hier sei eine Verdreifachung der bisherigen Anstrengungen erforderlich, um die CO2-Einsparziele für 2030 zu erreichen, rechnet Andreas Löschel gegenüber dem Deutschlandfunk vor. Löschel ist Professor für Mikroökonomik, insbesondere Energie- und Ressourcenökonomik an der Universität Münster und gehört zu den Autoren eines zweiten Monitoring-Berichtes zur Energiewende. So sei der Energieverbrauch in den vergangenen Jahren stets um rund 1,2 Prozent reduziert worden. Jedoch: „Wir brauchen bis 2030 eine jährliche Minderung von 3,6 Prozent“, erklärt Löschel. Für den Ökonomikexperten ist klar: Fossile Energieträger wie Kohle und Erdöl müssen weit stärker reduziert werden, als das bisher der Fall ist. Denn der Anteil der Erneuerbaren Energien am Stromverbrauch mag zwar auf die Hälfte zusteuern, betrachtet man den gesamten Energieverbrauch, beträgt der Anteil der grünen Energien jedoch gerade einmal 15 Prozent. Alternativen zur Kohlekraft und zum Verbrennungsmotor müssen also dringend her.

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