Energiewende

Klimaschutzziele in Gefahr

Von Michael Gneuss und Katharina Lehmann · 2019

Arbeiter mit Laptop vor Kraftwerk.
Großkraftwerke gehören der Vergangenheit an. Foto: iStock/Thossaphol

Der Umbau der Energielandschaft schreitet zu langsam voran. Zwar produzieren Wind und Sonne immer mehr Elektrizität. Doch in den Sektoren Wärme und Mobilität stockt es. Grüner Strom allein macht noch keine Energiewende.

Mehr als 40 Prozent des deutschen Stroms stammten im vergangenen Jahr aus regenerativen Quellen – damit wurde auch 2018 wieder der Rekord gebrochen. Laut Berechnungen des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) produzierten Wind-, Solar-, Biomasse- und Wasserkraftwerke zusammen knapp 219 Terawattstunden Energie – das waren 40,3 Prozent der gesamten Netto-Stromerzeugung. Zum Vergleich: 2017 hatten die regenerativen Quellen einen Anteil von insgesamt 38,2 Prozent. 

Vor allem Solar- und Windkraftanlagen lieferten 2018 laut Fraunhofer ISE deutlich mehr Strom: So schoss die Produktion von Sonnenstrom um 16 Prozent nach oben – vor allem wegen des sonnenreichen Sommers. In der ersten Juliwoche steuerten Solarmodule zwei Fünftel der gesamten deutschen Netto-Stromerzeugung bei. Im Herbst und Winter liefen die Windparks auf Hochtouren. In der Woche um Nikolaus produzierten sie mehr als 60 Prozent der Energie. Im gesamten Jahr trugen sie mehr als ein Fünftel zum gesamten Strommix bei. Mit einer Produktion von 111 Milliarden Kilowattstunden ist die Windkraft Deutschlands zweitwichtigste Stromquelle.

Trotz Energiewende: Braunkohle bleibt wichtigster Stromerzeuger

Wichtigster Stromlieferant mit 131 Terawattstunden bleibt jedoch die Braunkohle. Doch gerade die Braunkohlekraftwerke stoßen unter allen Stromerzeugern das meiste Kohlendioxid (CO2) aus. Im Februar wird sich eine von der Bundesregierung eingesetzte Kohlekommission mit Vertretern aus Politik, Wirtschafts- und Umweltverbänden mit dem Kohleausstieg befassen und einen Masterplan erarbeiten. Die Schließung aller Braunkohlekraftwerke bis 2030 gilt jedoch als höchst unwahrscheinlich.

Bis dahin – 2030 – soll eigentlich der Ökostromanteil auf 65 Prozent gesteigert werden. Das ist allerdings ein ambitioniertes Ziel, vor dem Hintergrund, dass er 2018 gerade erst über die 40-Prozent-Marke gesprungen ist. Die Energiewende gerät also ins Stocken, zumal sie mit der Erneuerung der Stromerzeugung auch noch lange nicht bewältigt ist. So müssen im Sinne der Sektorkopplung auch die Bereiche Verkehr, Wärme und Industrie einbezogen werden. In allen Bereichen muss Energie eingespart, also die Effizienz gesteigert und der Einsatz Erneuerbarer forciert werden. 

Effizienzziele unerreichbar

Die Energieeffizienzziele für das Jahr 2020 wird Deutschland wohl schon nicht mehr erreichen. Um 20 Prozent sollte der Primärenergieverbrauch in Deutschlands bis dahin im Vergleich zu 2008 sinken, hatte die damalige Bundesregierung 2010 in ihrem Energiekonzept festgelegt.

Quelle: BDEW, 2018

Das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA), innerhalb der eine Bundesstelle für Energieeffizienz eingerichtet wurde, erklärt aber bereits, dass dieses Ziel nicht mehr zu schaffen ist. Zwar sank im vergangenen Jahr der Primärenergieverbrauch um fünf Prozent. Dieser Rückgang ist jedoch nicht nachhaltig – er ist vor allem mit dem milden Winter und den teilweise deutlich gestiegenen Benzin- und Dieselpreisen zu begründen, erklärt die gemeinnützige Gesellschaft Agora Energiewende, die sich als unabhängiges Denklabor bezeichnet. 

Gegenüber 2008 liege der Energieverbrauch gerade einmal um sechs Prozent niedriger, heißt es bei der BAFA. „Wir werden die fehlenden 14 Prozentpunkte wohl kaum in den kommenden zwei Jahren schaffen“, erklärte BAFA-Präsident Andreas Obersteller gegenüber der Tageszeitung DIE WELT. Der Grund liege auch bei den derzeit niedrigen Energiepreisen. Die geben gerade der energiehungrigen Industrie kaum einen Anreiz, in effizientere Technologien zu investieren.

Doch der Energieverbrauch muss sinken: Bis 2030 soll er um 30 Prozent nach unten klettern, bis 2050 gar halbiert werden. Gelingt das nicht, ist die geplante Umstellung auf Erneuerbare Energien nicht möglich. Die ist im Sinne des Klimaschutzes aber unabdingbar, soll – wie im „Klimaschutzplan 2050“ beschlossen – der Energieverbrauch aller deutschen Haushalte, der Industrie, des Gewerbes und des Verkehrs aus grünem Strom gedeckt werden. Heute wären dafür etwa 3.000 Terawattstunden Ökostrom pro Jahr nötig; bislang werden aber erst 219 Terawattstunden produziert. 

Der Ausbau der Ökostrom-Produktion auf 3.000 Terawattstunden ist schon aus Platzgründen nicht umsetzbar. Deshalb gilt eine umfassende Reduzierung der Energieverbräuche als einzige Möglichkeit für den Ausstieg aus allen fossilen Energieträgern. „Efficiency First“ ist deshalb seit 2016 das Motto der Bundesregierung. So soll dem Anstieg der Energieeffizient ein höherer Stellenwert beigemessen werden; die Ökostrom-Produktion folgt erst an zweiter Stelle.

Auch CO2-Reduzierung stockt

Deutschland hinkt aber auch bei der CO2-Reduzierung seinen Zielen hinterher. Die Bundesregierung will die Emissionen bis 2020 um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 senken. Zwar sank im vergangenen Jahr auch der Ausstoß von Kohlendioxid überraschend um mehr als 50 Millionen Tonnen oder 5,7 Prozent. Doch auch diese Entwicklung liege eher am außergewöhnlichen Klima und den gestiegenen Spritpreisen, meint Agora Energiewende. Zudem spielte ein leicht gesunkenes Produktionsniveau in Teilen der energieintensiven Industrien eine Rolle. Die Treibhausgasemissionen Deutschlands liegen nun um 31,7 Prozent unter dem Niveau des Jahres 1990. „Der Emissionsrückgang rückt auf den ersten Blick zwar das Klimaschutzziel 2020 in greifbare Nähe, doch schon der nächste durchschnittlich kalte Winter und kleinere konjunkturelle Veränderungen werden die positive Entwicklung wieder zunichtemachen“, warnt Agora-Direktor Patrick Graichen. 

Die Herausforderungen einer bezahlbaren Energiewende, die am Ende eine sichere und klimaschützende Vorsorgung gewährleistet, sind also gewaltig. Erhebliche Kraftanstrengungen und Innovationen sowie die richtigen Reformen werden nötig sein, um die nächsten Schritte in diese Richtung zu gehen.

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