Energie der Zukunft

„Es wird Gewinner, aber auch Verlierer der Energiewende geben.“

Von Katharina Lehmann im Gespräch mit Andreas Bett · 2019

„Es wird Gewinner, aber auch Verlierer  der Energiewende geben.“

Kohleausstieg, Sektorkopplung, Stromspeicher – wir stehen vor großen Herausforderungen, wollen wir die Energiewende zum Gelingen führen, mahnt Andreas Bett, Direktor des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE. Gefragt ist vor allem die Politik, Rahmenbedingungen für das Erreichen der Energieziele zu schaffen. Doch die ziert sich.

Mehr als 40 Prozent Strom aus regenerativen Quellen – das ist doch super, oder?

Das ist schon toll. Wir konnten den Zuwachs der Erneuerbaren Energien im Stromsektor in den vergangenen Jahren sukzessive ausbauen. Und ich bin sicher, dass uns das auch in den kommenden Jahren gelingen wird. Aber wir sind längst nicht am Ende und müssen einen Zahn zulegen – vor allem in den anderen Bereichen. Die Energiewende wird meist nur mit Strom in Verbindung gebracht. Doch das stimmt nicht; Energie brauchen wir auch in den Bereichen Wärme, Verkehr, Landwirtschaft und Industrie. In all diesen Sektoren müssen wir die Energiewende vorantreiben. 

Und das passiert nicht?

Nein, da hapert es gewaltig. Die Gesamtenergiewende stagniert. Im Wärmesektor, immerhin der Bereich, in dem wir die meiste Energie verbrauchen, passiert sehr wenig. Dabei zeigen Wärmepumpen und Solarthermie schon heute, wie sich energieeffizient und vor allem klimaschonend Wärme und im Sommer auch Kühle herstellen lassen. Und auch im Verkehrsbereich schreitet der Umstieg auf die Elektromobilität nur langsam voran – eine Million E-Autos werden 2020 wohl kaum in Deutschland unterwegs sein. Bei der Stromspeicherung stehen wir auch noch ganz am Anfang. 

Weil es keine so großen Speicher gibt, die all die grüne Energie sichern könnten?

Ideen gibt es viele. Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel, grünen Strom über Elektrolyse in Wasserstoff umzuwandeln. Der ließe sich im heutigen Erdgasnetz speichern. Wenn Wind und Sonne keine ausreichende Energie liefern, könnten mit Wasserstoff betriebene Gaskraftwerke einspringen. Außerdem kann Wasserstoff als Treibstoff für Autos, vor allem aber nach Weiterverarbeitung zu synthetischen Kraftstoffen für Schwerlasttransporte und den Flugverkehr dienen. 

Wenn aber Wärme und Verkehr elektrifiziert werden, brauchen wir immer mehr statt weniger Strom?

Deshalb spielt die Energieeffizienz bei der Energiewende auch eine große Rolle. Denn die sauberste Energie ist immer noch die, die nicht verbraucht wird. Wir müssen Wirkungsgrade und Effizienz unserer Maschinen erhöhen. Gleichzeitig gilt aber: Wollen wir weniger Kohlendioxid ausstoßen und unser Klima schützen, müssen wir weg von den fossilen Brennträgern und unser Gesamtenergiesystem stärker elektrifizieren.

Nun wird aber noch immer ein Gros des Stroms mit fossilen Energieträgern erzeugt.

Kohlestrom gehört der Vergangenheit an, das haben inzwischen alle, auch die Kraftwerksbetreiber, verstanden. Unternehmen wie RWE und Vattenfall verdienen aber heute noch gutes Geld mit ihren abgeschriebenen Braunkohlekraftwerken. Deshalb sträuben sie sich gegen das schnelle Abschalten der Meiler. Aber wir brauchen den Ausstieg aus der Kohle, wollen wir die Klimaziele, die wir uns gesetzt haben, erreichen. Da müssen die großen Kraftwerksbetreiber umsatteln – oder sie werden zu den Verlierern der Energiewende gehören. Denn eines ist klar: Es wird Gewinner, aber auch Verlierer geben.

Was können wir tun, um den Kohleausstieg voranzutreiben?

Da ist vor allem die Politik gefragt. Sie muss die CO2-Emissionen stärker bepreisen, zum Beispiel durch den Umbau der heute bereits bezahlten Steuern im Energiesektor – und zwar nach dem Verursacherprinzip. Wer also viel Kohlendioxid erzeugt, muss auch viel zahlen. Damit würden solch schmutzige Technologien wie die Kohlemeiler unwirtschaftlich, effizientere Gaskraftwerke, die deutlich geringere Mengen CO2 produzieren und sich damit als Übergangstechnologie der Energiewende besser eignen, würden plötzlich rentabel. Doch die Politik ist im Moment sehr zögerlich.

Nicht nur in Sachen CO2-Steuer?

Nein, auch in vielen anderen Punkten, die die Energiewende betreffen. Wir sind den Umbau des Energiesystems vor einigen Jahren sehr mutig angegangen. Doch nun stockt es – die Ziele für 2020 werden wir allesamt nicht erreichen. Das ist nicht schlimm, aber es erfordert Handeln: nämlich eine umfassende Analyse der Gründe, die zum Scheitern führten, und eine Neuausrichtung der Strategien. Das passiert allerdings nicht. Ich sehe derzeit auf politischer Ebene keine Ambitionen, die Energiewende voranzutreiben. 

Dabei sind die Pariser Klimaschutzziele doch klar?

Sind sie. Unklar ist allerdings, wie sie auf nationaler Ebene umgesetzt werden sollen. Hier muss die Politik klare Vorgaben machen und zeigen, wie deren Umsetzung funktionieren kann. Das tut sie aber nicht. Und das schafft Unsicherheiten bei allen Beteiligten; die Industrie braucht langfristige Rahmenbedingungen. Denn ganz wichtig ist, dass wir in Deutschland nicht nur neue Technologien entwickeln, sondern diese hier auch produzieren und die Technologiekompetenz im Land, oder zumindest in Europa behalten. Nur so können wir die Früchte unserer Arbeit auch ernten. 

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