Klimaschutz vorantreiben

Jetzt nicht nachlassen

Von Michael Gneuss und Katharina Lehmann · 2020

Der Anteil Erneuerbarer Energien steigt weiter. Mehr als die Hälfte des in den vergangenen Monaten erzeugten Stroms stammte aus Sonne, Wind und Biomasse. Jetzt gilt es aber weiterzumachen und den Klimaschutz weiter kräftig voranzutreiben. So müssen sich jetzt die Bemühungen verstärkt auch auf den Verkehrssektor konzentrieren, und auch die Wärmewende ist längst noch keine Erfolgsgeschichte.

E-Auto, Haus mit Solaranlage, Windräder im Hintergrund.
Erneuerbare Energie und sauberer Verkehr müssen weiter vorangetrieben werden. Foto: iStock / sl-f

Die Produktion von Erneuerbarer Energie springt von Rekord zu Rekord: Mit einem Anteil an der Nettostromerzeugung von 52,7 Prozent in den ersten neun Monaten könnte in diesem Jahr erstmals mehr Strom aus Sonne und Wind, Biomasse und Wasserkraft erzeugt werden als in fossilen Kraftwerken. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr lag die Nettostromerzeugung aus den Erneuerbaren bei 46,1 Prozent; 2018 waren es 40,6. Den größten Anteil hat die Windenergie – mehr als ein Viertel der gesamten Erzeugung in Deutschland stammen aus den On- und Offshore-Windparks, hat das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) ermittelt. Mit einem Anteil von 26,3 Prozent bis Anfang Oktober überflügelt der Wind damit den gesamten Braun- und Steinkohlebereich. Und der Herbst, in dem es bekanntlich kräftiger bläst, hat gerade erst angefangen. 

Photovoltaikanlagen trugen zudem einen Anteil von knapp 13 Prozent zur gesamten Energieerzeugung bei. Biomasse kam immerhin auf 9,5 Prozent, Wasserkraft genau wie in den Vorjahren auf vier Prozent. Aus Gaskraftwerken stammten 12,2 Prozent der erzeugten Energie. Im vergangenen Jahr waren es 10,2 Prozent, davor 8,1 Prozent. Braunkohlekraftwerke mussten in diesem Jahr dagegen besonders stark heruntergedrosselt werden: Ihr Anteil an der Stromerzeugung sank in den ersten neun Monaten dieses Jahres auf 15,3 Prozent (Vorjahr 19,7 Prozent). Strom aus Steinkohle strömte zu 6,3 Prozent, aus Kernenergie zu 12,6 Prozent in die Netze. Es sieht also gut aus für die Energiewende – möchte man zumindest meinen. Die Zuwachsraten der Erneuerbaren steigen seit Jahren. Zudem arbeiten Forscher mit Hochdruck an neuen Speichertechnologien. Gerade Langzeitspeicher könnten zusätzlich für eine stabile Grundlast sorgen, halten sie doch den Strom aus sonnen- und windreichen Tagen für die Zeit vor, in der Windanlagen und Photovoltaik kaum Energie produzieren.

Ausbau gerät ins Stocken

Doch die positiven Zahlen sind noch lange kein Garant für das Gelingen der Energiewende. Es gilt jetzt, nicht nachzulassen. Hinweise darauf, dass der Ausbau regenerativer Energieerzeuger zusehends an Fahrt verlieren könnte, sind vorhanden. Vor allem in der Windkraft werden derzeit weniger Anlagen errichtet als im Ausbaupfad vorgesehen, zeigen die Ergebnisse der letzten Ausschreibungsrunde. Allein in diesem Jahr beträgt die Differenz zwischen der Planung und dem tatsächlichen Zubau 1.000 Megawatt installierte Leistung. 

Bei der Solarenergie ist der Ansturm auf die Ausschreibungen hingegen so groß, dass nur ein Bruchteil der eingereichten Projekte realisiert werden darf. Auch wenn mit dem 52-Gigawatt-Deckel die größte Bremse vom Gesetzgeber abgeschafft wurde, müsste hier nach Ansicht der Branchenverbände dringend der Ausbaupfad entsprechend der aktuellen Marktsituation angepasst werden. Sie warnen deshalb vor einem Einbruch der Energiewende und fordern deutlich höhere Ausbaupfade für Erneuerbare Energien.

Denn der Strom aus Erneuerbaren Energien wird dringend benötigt – vor allem, wenn in den kommenden Jahren auch der Wärme- und der Verkehrssektor zunehmend elektrifiziert werden sollen. Schon heute ist klar, dass für diese Klimaschutzaufgaben mehr grüne Energie benötigt wird, als in Deutschland hergestellt werden kann. Das zeigen Berechnungen des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI): Den Forschern zufolge wird der künftige Energiebedarf in der Bundesrepublik bei 2.500 Terawattstunden Energie pro Jahr liegen. Aus regenerativen Quellen herstellbar seien allerdings maximal 1.000 Terawattstunden. Deutschland wäre demzufolge für eine konsequente Energiewende angewiesen auf den Import von grünem Strom – zum Beispiel aus Nordafrika. 

 

Quelle: ZSW, 2020

Klimaschutz vorantreiben: Verkehr im Fokus

Vor einer Elektrifizierungswelle steht derzeit vor allem der Verkehrssektor. Zwar dümpelten die Verkaufszahlen strombetriebener Autos lange Zeit vor sich hin. In den vergangenen Monaten kam allerdings Bewegung in den Sektor. Allein im August stieg die Zahl der neuzugelassenen Stromautos im Vergleich zum Vorjahresmonat von 5.001 auf 16.076 Fahrzeuge – das ist ein Zuwachs von stolzen 221,5 Prozent. In den ersten acht Monaten dieses Jahres wurden in der Bundesrepublik so viele Elektroautos neu zugelassen wie nie zuvor: 77.181 neue Pkw mit reinem Elektroantrieb kamen von Januar bis August auf die deutschen Straßen. Zum Vergleich: Im Gesamtjahr 2019 wurden rund 63.300 Stromer neu zugelassen. Zwischen 2015 und 2019 hat sich die Zahl der strombetriebenen Fahrzeuge nahezu verdreifacht, hat das Statistische Bundesamt ermittelt. Mitte der Zwanzigerjahre, so Prognosen des Fraunhofer ISI, könnten erstmals eine Million Stromer auf Deutschlands Straßen unterwegs sein. Bis 2030 rechnen die Experten mit 25 Prozent rein elektrisch angetriebener Fahrzeuge. 

Eine Stagnation wird hingegen allgemein der Wärmewende attestiert. Der Anteil Erneuerbarer Energien komme in diesem Sektor seit Jahren nicht voran, moniert der Bundesverband Erneuerbare Energie – obwohl es wesentliche, bislang noch nicht genutzte Potenziale gebe. Auch die Forscher des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) haben wenig Lob für die Fortschritte der Wärmewende. Zwar sei der CO2-Ausstoß beim Heizen seit 2010 um rund 21 Prozent gesunken. Der Grund seien aber die wärmeren Winter und nicht die Anstrengungen bei der Gebäudeeffizienz. Temperatur- und witterungsbereinigt liege die Einsparung bei den CO2-Emissionen bei nur 2,6 Prozent in den letzten zehn Jahren.

Quellen:
statista "Neuzulassungen von Elektroautos in Deutschland bis September 2020"
auto motor sport "Elektroauto-Neuzulassungen August 2020"
Fraunhofer ISE "Energy-Charts"

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